Studie: Kulturelle Teilhabe in Berlin 2025
Die vierte Ausgabe der vom IKTf durchgeführten und von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt geförderten Studie „Kulturelle Teilhabe in Berlin” widmet sich den Nicht-Besucher*innen von Sprechtheatern, Konzerten klassischer Musik und Opern, Kunstausstellungen sowie Ausstellungen zu Geschichte, Technik und Naturwissenschaften. Die repräsentative Bevölkerungsbefragung beleuchtet drei zentrale Themenfelder: Wie hat sich der Anteil der Nicht-Besucher*innen im Zeitverlauf entwickelt? Welche Gründe halten Menschen von Kulturbesuchen ab, und wie haben sich diese angesichts steigender Eintrittspreise verschoben? Und welche konkreten Erwartungen und Wünsche haben Nicht-Besucher*innen an die vier genannten Angebotsbereiche?
Ein zentrales Analyseinstrument ist das Kulturmilieumodell: Es fasst Menschen mit ähnlichem, durch Werte, Vorlieben und Freizeitgestaltung geprägtem Lebensstil in neun Milieus zusammen und erklärt Kulturelle Teilhabe besser als Merkmale wie Einkommen, Bildung oder Alter. Kultureinrichtungen können das Modell auch für die eigene Zielgruppenarbeit nutzen. Angesichts aktueller Kürzungen im Berliner Kulturhaushalt liefert die Studie Kulturpolitik und Kultureinrichtungen eine Vielzahl an operativen Ansatzpunkten dafür, wie Kulturelle Teilhabe künftig gezielt gestärkt werden kann.
Zentrale Ergebnisse:
Kulturelle Teilhabe erholt sich im Nachgang der Pandemie nur langsam
Die Kulturelle Teilhabe in Berlin bleibt auch 2025 von den langfristigen Folgen der Pandemie geprägt. Die aktuellen Zahlen für 2025 deuten gegenüber 2023 auf eine leichte Erholung der Kulturbesuche hin. Insbesondere Viel- und Gelegenheitsbesucher*innen besuchen klassische Kulturangebote (wie Aufführungen von Theater, Oper, Tanz, Klassik-Konzerte, Ausstellungen) inzwischen wieder häufiger. Dagegen kommen Personen, die solche Angebote nur selten oder nie besuchen, im Nachgang der Pandemie kaum wieder in die Kultureinrichtungen zurück. Aus diesem Grund liegt der Anteil der Nicht-Besucher*innen in der Berliner Bevölkerung noch immer höher als 2019. Dieser Anstieg der Nicht-Besucher*innen bleibt bei den Ticketverkäufen teilweise unbemerkt: In einigen Fällen nehmen Vielbesucher*innen ihren Platz ein. Soziodemografisch zeigt sich nach der Pandemie vor allem eine Besonderheit: Die Unterschiede in der Kulturellen Teilhabe zwischen Männern und Frauen werden größer. Besonders alleinstehende Männer über 50 nehmen im Vergleich zu den Vorjahren immer seltener am kulturellen Leben teil.
Die Rolle des Geldes als Besuchshindernis wird seit der Pandemie wichtiger
Besucher*innen und Nicht-Besucher*innen nennen ähnliche Besuchshindernisse. Personen aus einkommensschwachen Haushalten wurden zwischen 2019 und 2023 häufiger als andere Einkommensgruppen zu Nicht-Besucher*innen. Neben dem Preis berichten Nicht-Besucher*innen zudem häufiger von gesundheitsbezogenen Barrieren.
Nicht-Besucher*innen wünschen sich zugänglichere Inhalte von klassischen Kulturangeboten
Theateraufführungen: Nicht-Besucher*innen bevorzugen verständliche Stücke, die sie gut gemeinsam mit Familie oder Freund*innenkreis besuchen können. Sie fühlen sich eher durch lockere Umgangsregeln, TV‑Schauspieler*innen oder ungewöhnliche Spielorte angesprochen. Vielbesucher*innen dagegen suchen stärker nach intellektueller Anregung. Vermittlungsformate sind beim Stammpublikum beliebter als bei Nicht-Besucher*innen.
Klassik-Konzerte und Opernaufführungen: Allen Zielgruppen geht es um die Schönheit der Musik. Vielbesucher*innen legen besonderes Gewicht auf künstlerische Qualität. Nicht-Besucher*innen interessieren sich zusätzlich für Ungewöhnliches: Sie lassen sich gezielt über Best‑of‑Abende, gastronomische Angebote oder ko-kreative Formate erreichen.
Kunstausstellungen: Ausstellungen können unterschiedliche Zielgruppen leichter gleichzeitig bedienen als Bühnenangebote. Besucher*innen wie Nicht-Besucher*innen schätzen Vermittlungsangebote, ruhige Räume und gute Cafés. Das Stammpublikum sucht stärker nach anspruchsvoller, zeitgeistiger Kunst. Neue Zielgruppen sprechen wiederum ungewöhnliche Formate besonders an.Ausstellungen zu Geschichte, Technik, Naturwissenschaft: Hier steht für nahezu alle Zielgruppen die Wissensvermittlung im Vordergrund. Viel- und Nicht-Besucher*innen unterscheiden sich in Bezug auf ihre Vorlieben weit weniger als bei den anderen Kulturangeboten.
Handlungsempfehlungen:
Nicht-Besucher*innen sollten sowohl über breitere Programme als auch über Barriereabbau gewonnen werden
Um Nicht-Besucher*innen von klassischen Kulturangeboten, wie Aufführungen von Theater, Oper, Tanz, Klassik-Konzerte sowie, besser zu erreichen, gibt es zwei zentrale kulturpolitische Ansatzpunkte: erstens die Entwicklung und Förderung von Programmangeboten und Vermittlungsmaßnahmen, die für bisher wenig erreichte Bevölkerungsgruppen attraktiv sind, und zweitens der Abbau von Besuchsbarrieren. Letzteres ist weiterhin dringend geboten, gewinnt jedoch keine Nicht-Besucher*innen für Kulturbesuche, die sich vom derzeitigen Kulturangebot inhaltlich nicht angesprochen fühlen.
Kulturmarketing muss Öffnungsprozesse erfolgreich an Nicht-Besucher*innen kommunizieren
Allein Barrieren abzubauen und Programme zu verbreitern, reicht jedoch nicht aus. Ebenso wichtig ist, dass solche Öffnungsprozesse kommuniziert werden. Nicht zuletzt kommt auch dem Kulturmarketing eine entscheidende Rolle zu bei der Gewinnung von Nicht-Besucher*innen: Wenn potenzielle Besucher*innen nicht erfahren, dass Besuchsbarrieren abgebaut oder Programme inhaltlich auf sie zugeschnitten wurden, bleiben solche Veränderungen für neue Zielgruppen unsichtbar.
Die Öffnung von Kulturangeboten ist ein langfristiger Prozess, der einen langen Atem braucht
Die Gewinnung von Nicht-Besucher*innen über gezielte Programm- und Vermittlungsangebote benötigt Zeit und kann beim bestehenden Stammpublikum (oder der Kritik) auch auf Widerstände stoßen – etwa wenn traditionelle Erwartungen an ein „hochkulturelles Erlebnis“ infrage gestellt werden. Wichtig ist zudem, dass Nicht-Besucher*innen die Angebote als für sie zugänglich und passend wahrnehmen. Eine solche Wahrnehmung lässt sich in der Regel nur über einen längerfristigen Imagewandel der Angebote erreichen und nicht durch kurzfristige Maßnahmen. Strategien zur Öffnung von Kulturangeboten sollten daher langfristig angelegt und institutionell verankert werden.
Besuchszahlen allein sind kein guter Indikator für Kulturelle Teilhabe – eine teilhabeorientierte Kulturpolitik braucht auch Befragungsdaten
Hindernisse für Öffnungsprozesse können entstehen, wenn der Erfolg von Kultureinrichtungen vor allem über Ticketverkäufe bewertet wird – insbesondere in Zeiten kulturpolitischer Sparzwänge. Eine solche einseitige Erfolgslogik fördert tendenziell eine Ausrichtung auf das bereits bestehende Stammpublikum. Denn eine erfolgreiche Verbreiterung der Kulturellen Teilhabe zeigt sich nicht zwangsläufig in steigenden Besuchszahlen, ebenso wenig wie eine Verschlechterung notwendigerweise zu sinkenden Besuchszahlen führt. Die Entwicklung der Kulturellen Teilhabe wird daher erst in Kombination mit Besucher*innen- und Bevölkerungsbefragungen sichtbar. Eine teilhabeorientierte Kulturförderung sollte diese Perspektive ausdrücklich berücksichtigen.