Kulturpolitische Relevanz des Themas „Kulturelle Teilhabe in Berlin“ und Ausgangssituation der vorliegenden empirischen Studie zur Kulturellen Teilhabe der Berliner Bevölkerung

Kulturelle Teilhabe hat in Berlin schon seit vielen Jahren und so auch in den Richtlinien der Regierungspolitik (RdR) des Berliner Senats für die 19. Wahlperiode wieder einen herausragenden Stellenwert.1 In der Folge setzt auch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa (SenKultEuropa) einen fortlaufenden Finanzierungsfokus auf eine fundierte Beratung und Förderung auf eine größere und breitere Kulturelle Teilhabe abzielender Kultur- und Freizeitangebote, Initiativen und Modellprojekte.2 Am Anfang jeglicher strategischer wie operativer Bemühungen um Kulturelle Teilhabe seitens der Kulturangebote, ‑politik und ‑verwaltung sollte ein vertieftes Wissen über deren aktuellen Status quo und deren Entwicklung im Zeitverlauf stehen. Dies ist an sich keine neue Erkenntnis, doch durch die COVID-19-Pandemie hat sie noch größere Bedeutung gewonnen, als es bereits zuvor der Fall war. Kulturangebote waren monatelang nicht zugänglich und/oder Besuche mit wechselnden Hygienemaßnahmen verbunden. Die Pandemie hat weitreichende und im anscheinend gerade beginnenden Übergang zu einer Endemie noch nicht absehbare Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen und persönlichen Lebensbereiche und somit auch auf Kulturelle Teilhabe. Agieren „aus dem Bauch heraus“, um möglichst viele Menschen für Kulturangebote zu begeistern, war für Kulturakteur*innen noch nie empfehlenswert. Mit den derzeit teils erheblich niedrigeren Auslastungszahlen bei Kultur- und Freizeitangeboten im Vergleich zu Zeiten vor der Pandemie ist eine solide Datengrundlage zum (potenziellen) Publikum nochmals wichtiger geworden. Ein solches Wissen ist elementar, um zu verstehen, wer vielleicht bislang (noch) nicht wiedergekommen ist, warum dies der Fall ist und welche Gegenmaßnahmen zum aktuell anscheinend weit verbreiteten Publikumsausbleiben sinnvoll sein könnten. 

Vor dem Hintergrund, ebenjene Datengrundlage zur Kulturellen Teilhabe in Berlin auszubauen, förderte die Senatsverwaltung für Kultur und Europa bereits 2018 und 2019 das Forschungsprojekt „(Nicht-) Besucher*innen-Studie“. Mit der wissenschaftlichen Begleitung war das Institut für Museumsforschung (IfM) betraut. Die operative Ansiedlung des Projekts lag bei visitBerlin.6 Auf diesem Projekt aufbauend wurde Anfang 2020 über institutionelle Förderung das außeruniversitäre Forschungsinstitut „Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf)“ innerhalb der landeseigenen Berliner Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung (SKWK) gegründet.

Das IKTf hat als unabhängiges außeruniversitäres Forschungsinstitut die Aufgabe, Forschungsdaten und ‑berichte zu liefern, auf deren Basis Kulturangebote, ‑politik und ‑verwaltungen Strategien und operative Maßnahmen für Kulturelle Teilhabe entwickeln und deren Erfolg messen können. Dabei führt das Institut Studien zur Nachfrageseite durch, sprich zu Besucher*innen und Nicht-Besucher*innen kultureller Angebote, wie zum Beispiel über regelmäßige Bevölkerungsbefragungen. Das Institut stellt zudem die Projektleitung für das Besucher*innenforschungssystem KulMon® (KulturMonitoring) und ist für dessen wissenschaftliche Qualitätssicherung und Weiterentwicklung zuständig. Über KulMon® führt eine große Anzahl von Kultureinrichtungen spartenübergreifend und mit gleicher Erhebungsmethodik sowie weitgehend gleichen Fragebögen kontinuierlich Besucherinnenforschung durch. KulMon® stammt aus Berlin, weitet sich derzeit aber bundeweit aus. Zudem erfährt es über eine Kooperation mit der britischen Audience Agency ab 2022 einen Anschluss an den Audience Finder International und wird damit über internationale Vergleichsdaten zu den eigenen Befragungsergebnissen verfügen. Daneben nimmt das IKTf auch die Gelingensbedingungen Kultureller Teilhabe in den Blick, indem es die Fördermaßnahmen von Kulturverwaltungen und ‑politik untersucht und begleitende Forschung zu Modellprojekten von Kulturangeboten durchführt, wie beispielsweise Besucher*innenbefragungen am Eintrittsfreien Museumssonntag in Berlin. Eine erste repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Kulturellen Teilhabe in Berlin aus der alle zwei Jahre stattfindenden Studienreihe fand erstmalig 2019 im Rahmen der „(Nicht-)Besucher*innen-Studie“ statt und lieferte als erste Status-quo-Erhebung viele wertvolle Erkenntnisse zu den folgenden Fragen:

• Was ist der Status der Kulturellen Teilhabe in Berlin?
• Wie kann eine chancengleiche Kulturelle Teilhabe in Zukunft ermöglicht werden?

Die Folgestudie 2021 durch das IKTf schließt an das Studiendesign von 2019 an. Verwendung findet wie in der Auftaktstudie ein breiter Begriff der Kulturellen Teilhabe. Er umfasst nicht nur die passive Teilhabe im Sinne von Besuchen oder Nicht-Besuchen von Kultur- und Freizeitangeboten. Untersucht wird ebenfalls, inwieweit aktive Teilhabe am kulturellen Leben stattfindet, beispielsweise indem auf nicht professioneller Ebene kulturelle Inhalte (mit)produziert werden (bspw. Malen/Zeichnen), sich an (digitalen) Angeboten von Kultur- und Freizeiteinrichtungen aktiv beteiligt wird (bspw. Online-Workshops) und/oder Mit-)Gestaltungsmöglichkeiten in Kultur- und Freizeitangeboten (bspw. Ko-Kreation bei der Programmgestaltung) wahrgenommen werden. Zudem findet ein breiter Kulturbegriff Verwendung, der sich nicht allein auf klassische Kulturangebote oder die sogenannte Hochkultur konzentriert. Neben beispielsweise Museen, Theatern, klassischen Konzerten, Opern oder Ballett werden auch Kultur- und Freizeitangebote wie Filmvorführungen/Kinos, Konzerte im Populärmusikbereich, Zoos, Musicals, Sportveranstaltungen, Clubs/Discos oder Bildungsangebote wie Bibliotheken und Volkshochschulen in den Blick genommen. Nicht zuletzt wird auch dem allgemeinen Freizeitverhalten der Berliner*innen Aufmerksamkeit geschenkt, zu dem bspw. Fernsehen, Lesen sowie Gärtnern und Heimwerken zählen. Das Kulturverständnis der Studie beschränkt sich dabei nicht auf den Bereich der öffentlich geförderten Kultur- und Freizeiteinrichtungen in Berlin, sondern berücksichtigt ebenfalls die freie Szene, Soziokultur, privat finanzierte Angebote, Angebote außerhalb von Kultur- und Freizeiteinrichtungen (bspw. in Schulen, Vereinen, im Stadtraum) sowie Kulturbesuche auf Reisen oder im Ausland.

Fragestellung und Vorgehensweise der empirischen Studie „Kulturelle Teilhabe in Berlin 2021“


Die Studie liefert erneut vertiefende Informationen über die Kulturelle Teilhabe der Berliner Bevölkerung und beantwortet in der Ausgabe 2021 die folgende Fragen:

  • Welche Einstellungen und Verhaltensmuster rund um Kulturbesuche resultieren aus der Pandemie? Wie steht die Berliner Bevölkerung zu Hygienemaßnahmen bei Kulturbesuchen?
  • Wie sehr stehen die Berliner*innen in der pandemisch bedingten Krisensituation hinter dem Kulturbereich? Wie ausgeprägt sind Wiederbesuchsabsichten nach zeitweisen Schließungen von Kulturangeboten?
  • Welche Berliner*innen besuchen Kultur- und Freizeitangebote, welche nicht? Wie hat sich dies zwischen 2019 – vor der COVID-19-Pandemie – und 2021 – mitten in der Pandemie – verändert?
  • Wie hat sich das Freizeitverhalten der Bevölkerungen von 2019 durch die Pandemie bis 2021 ganz allgemein verändert? Welche Rolle spielen im Zeitvergleich eigene künstlerisch-kreative Freizeittätigkeiten oder Hobbies?
  • Wie werden die von vielen Kultureinrichtungen in Pandemiezeiten verstärkt geschaffenen digitalen Kulturangebote bewertet? Welche Chancen, aber auch welche Barrieren sind mit ihnen verbunden und was lässt sich zu deren Zukunftsperspektive sagen?
  • Wie zufrieden sind die Berliner*innen mit ihren Kultur- und Freizeitangeboten und welche Relevanz haben diese für sie?
  • Was motiviert die Berliner*innen zu Besuchen von Kultur- und Freizeitangeboten und welche Gründe hindern sie eventuell daran?
  • Wie kann weiterhin, aber auch insbesondere im Nachgang der Pandemie, für möglichst viele Berliner*innen eine chancengleiche Kulturelle Teilhabe ermöglicht werden?

Das Studiendesign der Studie von 2021 entspricht zu Vergleichszwecken dem der im Jahr 2019 durchgeführten Bevölkerungsbefragung. Bei der Grundgesamtheit handelt es sich um Personen mit Erstwohnsitz in Berlin. Für die Befragung wurden 13.000 Berliner Adressen zufällig ausgewählt, die vom Einwohnermeldeamt zur Verfügung gestellt wurden. Es handelte sich um eine schriftlich-postalische Befragung, bei der den angeschriebenen Personen zusätzlich auch die Möglichkeit angeboten wurde, über einen Online-Fragebogen teilzunehmen. Der Fragebogen lag in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch, Russisch und Arabisch vor. Der Erhebungszeitraum erstreckte sich vom 7. Juni bis zum 29. Juli 2021. Der bereinigte Rücklauf betrug 3.614 Fragebögen, was einer Rücklaufquote von 28 Prozent entspricht (siehe hierzu vertiefend Abschnitt 9 zur Methodik der Studie).