Studie: Standortfaktor Kultur in Berlin

Studiendesign

Welche Wirkungen hat öffentliche Kulturförderung über den Kultursektor hinaus? Mit der Studie „Kultur als Standortfaktor in Berlin“ legt das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) erstmals eine datenbasierte Antwort auf diese Frage vor. Die Studie wurde von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.

Kultur ist für Berlin ein zentraler Standortfaktor mit vielfältigen ökonomischen, gesellschaftlichen und stadtgestaltenden Effekten, doch fehlt bisher ein integriertes Modell, das diese Wirkungsebenen zusammenführt. Die rund 70 vorliegenden deutschen Studien konzentrieren sich vor allem auf ökonomische Effekte wie Umwegrentabilität einzelner Einrichtungen oder Bruttowertschöpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die IKTf-Studie schließt diese Lücke: Sie erhebt erstmals ökonomische, soziale, gesundheitliche und touristische Effekte des Berliner Kultursektors gemeinsam. Ausgangspunkt ist die Umwegrentabilität im gesamtstädtischen Maßstab, ergänzt um Kapitel zur Bruttowertschöpfung der künstlerisch-kulturellen Teilmärkte, zu Effekten Kultureller Teilhabe auf Lebenszufriedenheit und Gesundheit, zu Kultur als Standortfaktor für Unternehmen und zu touristischen Effekten. Die Datenbasis ist dank KulturMonitoring, der Bevölkerungsbefragung „Kulturelle Teilhabe in Berlin“ sowie einer Unternehmensbefragung besonders belastbar.

Die von September 2025 bis Mai 2026 durchgeführte Untersuchung zeigt ein breites Wirkungsspektrum. Da die tatsächliche Wirkung von Kultur darüber hinausgeht, ergänzen Spotlights zwischen den Kapiteln die Analyse um Kulturelle Bildung, soziale Räume, Amateurkultur und Stadtentwicklung.

Ergebnisse im Überblick

Kulturförderung rentiert sich: Das 3,5‑fache des Fördervolumens fließt in die Stadt zurück

Die öffentliche Kulturförderung des Landes Berlin wirkt weit über den Kultursektor hinaus: Jeder investierte Euro erzeugt im Durchschnitt mehr als 3,50 Euro an wirtschaftlichen Rückflüssen – bei Museen und Gedenkstätten sogar bis zu rund 7 Euro. Diese Rückflüsse entstehen durch die Ausgaben der Kultureinrichtungen selbst, durch Aufträge an Unternehmen und über Ausgaben in der Stadt durch das eigene Personal. Der größte Teil der wirtschaftlichen Effekte geht dabei aber auf das Publikum zurück: Rund 63 Prozent der Rückflüsse entstehen durch Ausgaben von Kulturbesucher*innen – wobei der größte Anteil auf Tourist*innen entfällt. 

Konkret stehen rund 528 Millionen Euro Fördermitteln Gesamtrückflüsse von etwa 1,88 Milliarden Euro gegenüber – ein Überschuss von über 1,35 Milliarden Euro jährlich. Nicht einberechnet wurden hierbei die Stiftungen Berliner Mauer, Topographie des Terrors und Gedenkstätte Hohenschönhausen. Aufgrund ihrer enormen Besuchszahl und des überdurchschnittlich hohen Anteils touristischer Besucher*innen wurden sie gesondert ausgewertet, um die mittlere Umwegrentabilität der Einrichtungen nicht zu verzerren. Werden diese Einrichtungen in die Berechnung einbezogen, ergibt sich sogarein Gesamtrückfluss von rund 4,65 Milliarden Euro jährlich.

Kultur steigert das Wohlbefinden – messbarer Effekt in Milliardenhöhe

Auch für das Well-Being der Berliner Bevölkerung ist eine ökonomische Wirkung messbar: Vier oder mehr Besuche im Jahr steigern das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit etwa so stark wie ein bis zu 2 700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen. Hochgerechnet auf ganz Berlin bewirken Besuche von klassischen Kulturangeboten eine Steigerung im Gegenwert von rund 8,09 Milliarden Euro pro Jahr.

Berlin ist Spitzenstandort der Kultur- und Kreativwirtschaft – maßgeblich geprägt durch die Freie Szene

Kultur ist ein eigenständiger Wirtschaftszweig: Mit einer Bruttowertschöpfung von 12 bis 15 Milliarden Euro, rund 195 000 Beschäftigten und einem Umsatz von 41,1 Milliarden Euro übertrifft die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin klassische Industriebranchen, wie beispielsweise Pharma- oder Maschinenbau. Tragende Säule dieses Systems ist die Freie Szene: Allein in den klassischen Teilmärkten Bildende Kunst, Musik und Darstellende Künste erwirtschaften 32 420 Solo-Selbstständige zusammen rund 614 Millionen Euro Einkommen. Gleichzeitig liegt rund drei Viertel von ihnen unter einem individuellen Jahreseinkommen von 22 000 Euro.

Für Berliner Unternehmen ist Kultur ein entscheidender Standortfaktor

Rund 90 Prozent der befragten Unternehmen halten das Kulturangebot für die Gewinnung neuer Mitarbeitender für wichtig, fast 85 Prozent betonen seinen Einfluss auf die Bindung von Mitarbeitenden. Rund die Hälfte der Unternehmen nutzt das Berliner Kulturangebot zudem aktiv beim Gewinnen von Fachkräften. 

Kultur als Reisegrund: Berlin zieht mit London und Paris gleich

Allein 2024 kamen 12,7 Millionen Gäst*innen aus Deutschland und der Welt nach Berlin. Sehenswürdigkeiten (63 Prozent) und das Kunst- und Kulturangebot (61 Prozent) zählen zu den wichtigsten Motiven für ihre Reise. Kulturell motivierte Tourist*innen bleiben im Durchschnitt länger in der Stadt und geben mehr Geld aus. Berlin gehört damit zu den meistbesuchten Städtereisezielen Europas und bewegt sich auf einem Niveau mit Metropolen wie Paris und London.

Gesellschaftliche Wirkungen von Kultur im Überblick

Über ihre wirtschaftliche Funktion hinaus leisten Kulturangebote einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt: Kulturelle Bildung stärkt Weltoffenheit, Kreativität und Zukunftskompetenzen und legt früh den Grundstein für kulturelles Interesse. Kultureinrichtungen fungieren als niedrigschwellige „Dritte Orte“ der Begegnung und Integration, besonders ausgeprägt in Bibliotheken und soziokulturellen Zentren. Am Beispiel der Amateurmusik wird die Bedeutung der Breitenkultur deutlich: 38 Prozent der Berliner*innen musizieren aktiv, sie ist damit ein niedrigschwelliger Zugang zur Kultur für breite Bevölkerungsschichten auch jenseits klassischer Kulturangebote. Darüber hinaus zeigt sich die Wirkung von Kultur auch in der Stadtentwicklung: Sie trägt zur Entwicklung lebendiger Quartiere bei und fördert Teilhabe sowie soziale Integration vor Ort.

Mitglieder des Sounding Board

Geoffrey Vasseur, Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
Wibke Behrens, KuPoGe Regionalgruppe Berlin-Brandenburg
Janina Benduski, LAFT Berlin
Daniel Brunet, Koalition der Freien Szene
Nadja Clarus, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe
Babak Dehkordy, Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Thomas Fehrle, Bühnenverein Landesverband Berlin
Prof. Dr. Uta Herbst, Universität Potsdam
Christophe Knoch, Stiftung Zukunft
Sabine Kroner, Berlin Mondiale
Dr. Janet Merkel, TU Berlin
Notker Schweikhardt, visitBerlin (Berlin Tourismus & Kongress GmbH)
Jürgen Schepers, IHK Berlin
Bahareh Sharifi, Diversity Arts Culture
Franziska Stoff, Landesmusikrat Berlin