Thema und Zielsetzung

In den letzten Jahrzehnten sind westliche Gesellschaften kulturell deutlich vielfältiger geworden. Durch Migration, ethnische Pluralität, eigene Auslandsaufenthalte und ein grenzenloses digitales Angebot haben sich die Erfahrungsräume der Menschen stark erweitert. Das Spektrum dessen, was in den hohen und populären Künsten Anerkennung genießt, wird immer breiter und facettenreicher. Was bedeutet das für den Kultursektor? Wie gehen Wissenschaft, Politik, Bildungsträger, Kultureinrichtungen und Medien mit den Chancen und Herausforderungen um, die kulturelle Vielfalt mit sich bringt? Welchen Stellenwert haben lokale Besonderheiten, nationale und europäische Traditionen sowie Kulturen aus aller Welt in Angebot und Nachfrage in Deutschland? Und welche Relevanz sollten sie haben, insbesondere in öffentlich geförderten Kulturinstitutionen?

Beim Symposium an der JGU Mainz werden wissenschaftliche Befunde zur kulturellen Bildung und kulturellen Teilhabe mit Anforderungen und Erfahrungen aus der Praxis ins Gespräch gebracht. Die Veranstaltung ist Teil der aktuellen Förderphase des wissenschaftlichen Umfrageprojektes „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland“. Die Studie wird seit 2016 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und seit 2025 vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Sie ist unter Leitung von Prof. Dr. Gunnar Otte am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angesiedelt. Das Symposium wird in Kooperation mit dem Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf), Berlin, sowie dem Fachverband für Kulturmanagementforschung ausgerichtet.

Die Studie: „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland

In der Studie „Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland“ (KuBiPaD) werden Muster der kulturellen Teilhabe der Bevölkerung Deutschlands spartenübergreifend und umfassend beschrieben und erklärt. Nach 2018 und 2021 fand im Jahr 2025 die dritte Befragungswelle statt, an der sich 1612 Personen beteiligten. Eine Besonderheit liegt darin, dass es sich um eine Panelstudie handelt, in der dieselben Personen wiederholt zu ihrem Kulturverhalten befragt werden. Die aktuelle Stichprobe lässt Schlüsse auf die deutschsprachige Wohnbevölkerung Deutschlands ab 18 Jahren zu. Die Umfragen wurden vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft, Bonn, durchgeführt. Die Studie des Jahres 2025 legt einen Schwerpunkt auf den Umgang der Befragten mit Produkten unterschiedlicher kulturräumlicher Herkunft.

Themenblöcke

Unter Berücksichtigung der aktuellen KuBiPaD-Daten werden beim Symposium drei inhaltliche Schwerpunkte verfolgt.

I. Kulturangebote und Kulturpartizipation zwischen lokalen Traditionen und globaler Öffnung

Die Gesellschaft Deutschlands ist aufgrund langfristiger Strukturentwicklungen durch eine zunehmende kulturräumliche Heterogenität gekennzeichnet. Migrant:innen aus unterschiedlichen Herkunftsländern bringen ihre kulturellen Präferenzen und Praktiken in die Gesellschaft ein. Auch durch eigene Auslandserfahrungen erlernt die deutsche Bevölkerung den Umgang mit kultureller Fremdheit. Und schließlich ermöglicht das Internet den Zugang zu verschiedensten Kulturen der Welt. Diese Entwicklungen brechen die Selbstverständlichkeit auf, mit der institutionell lange Zeit die europäische Hochkultur gepflegt wurde. Sie stellen aber auch die angloamerikanische Dominanz in Teilen der Popkultur auf die Probe. Vor diesem Hintergrund gibt es in Kulturvermittlung und ‑politik erhebliche Unsicherheit über den richtigen Umgang mit kultureller Vielfalt.

Zugleich fehlt es an belastbarem Wissen zu der Frage, wie die Bevölkerung selbst mit dieser Vielfalt umgeht. Welche Kulturformen gehören zum anerkannten Mainstream in der Bevölkerung, welche gelten als förderwürdig, selbst wenn sie nur von kleinen Minderheiten wahrgenommen werden? Wie wird mit Produkten fremder Herkunft und ungewohnter ästhetischer Attribute umgegangen, welchen Stellenwert haben nationale und regionale Bezüge? Wie unterscheiden sich Angehörige migrantischer Milieus von Deutschen ohne Migrationshintergrund in ihren Vorlieben? Welche Herausforderungen ergeben sich für Kultureinrichtungen in der Ansprache von Zielgruppen? Wie kann kulturelle Vielfalt im Programm erfolgreich repräsentiert werden? Und wie lässt sie sich fördern, ohne die Bedeutung nationaler und regionaler Identitäten zu vernachlässigen?

II. Kulturelle Bildung und Weiterbildung: Vielfalt der Träger, Vielfalt der Inhalte

Die Weichen für das kulturelle Interesse werden häufig schon in Kindheit und Jugend gestellt. Zugleich findet Lernen lebenslang statt und vielen Menschen eröffnen sich im Erwachsenenalter neue Horizonte. Zur kulturellen Weiterbildung gehören alle Aktivitäten, mit denen Menschen ihre rezeptiven und produktiven Kompetenzen in einzelnen Sparten zu verbessern suchen, beispielsweise um Kunstwerke besser zu verstehen oder selbst zu malen. Doch wie geschieht der Erwerb dieser Kompetenzen?

Es gibt in Deutschland eine breite Weiterbildungsinfrastruktur. Sie erstreckt sich über viele institutionelle Träger und umfasst Unterricht in Musik‑, Kunst- und Tanzschulen, Kurse in Volkshochschulen, pädagogische Angebote von Schulen, Hochschulen, Bibliotheken, Kirchen, Vereinen, soziokulturellen Zentren und Kultureinrichtungen wie etwa Museen und Theatern. Weiterbildung findet auch selbstorganisiert statt, etwa durch die Inanspruchnahme von Privatunterricht, die Rezeption von Lehrbüchern und Tutorials wie auch die Anleitung im Familien- und Freundeskreis. Dabei steht klassischer Klavierunterricht neben Street-Dance-Kursen oder digitalen Malerei-Tutorials. Wie beliebt sind diese Weiterbildungsmöglichkeiten in der Bevölkerung? Nutzen Menschen selbstorganisierte Zugänge als Ergänzung oder als Alternative zu institutionellen Angeboten? Wie reagieren Anbieter:innen auf veränderte Interessen in einer kulturell pluralisierten Gesellschaft? Welche innovativen Formate gibt es, um Zielgruppen zeitgemäß anzusprechen? Wie erfolgreich sind verschiedene Organisationsformen und Vermittlungsmethoden?

III. Kulturauftrag im Wandel? Zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Das Radio und Fernsehen spielen für große Teile der Bevölkerung nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Kulturrezeption, auch wenn dies nach Alter variiert. Rundfunkanstalten und Medienunternehmen sehen sich jedoch der Frage nach zeitgemäß ausgerichteten Programmen in einer kulturell heterogenen Gesellschaft gegenüber. Aufgrund ihres Kulturauftrages gilt dies besonders für die öffentlich-rechtlichen Medien. Laut Medienstaatsvertrag (§26) haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in ihren Angeboten „einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen“ zu geben und eine „mediale Angebotsvielfalt“ sicherzustellen. Seit geraumer Zeit wird über den Reformbedarf des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. Dabei geht es neben der Finanzierung und Organisation um die inhaltliche Ausrichtung, auch im Hinblick auf das kulturelle Angebot. Die einen plädieren für mehr Nischenprogramme, die anderen wünschen sich mehr breitenverträgliche Inhalte, wieder andere warnen vor der drohenden kulturellen Verflachung und extreme Positionen fordern die komplette Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Wie sollen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihre Programme gestalten? Welche Relevanz sollen regionale und nationale Traditionen haben, welchen Stellenwert die Kulturformen der in Deutschland lebenden ethnischen Minderheiten und der vielfältigen Kulturen der Welt? Welcher Sender- und Programmstrukturen bedarf es dafür? Wie entwickelt sich die Marktposition der öffentlich-rechtlichen Sender im Wettbewerb mit privatrechtlichen Sendern und digitalen Plattformen? Wie wirken sich die aktuellen Reformpläne auf die kulturelle Ausrichtung der Sender aus? Welchen Beitrag leisten wissenschaftliche Studien zur Mediennutzung und zu kulturellen Präferenzen in der Bevölkerung, um die normativ aufgeladene Debatte besser zu fundieren? Welche Erkenntnisse liefern die Publikumsforschung und Programmevaluation, die die Rundfunkanstalten selbst betreiben? Welche Implikationen ergeben sich daraus für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

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